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taz Nr. 7799 vom 21.10.2005, Seite 18, 184 Zeilen (TAZ-Bericht), INGE LINDEMANN
Uran im Mineralwasser
Das giftige und radioaktive Schwermetall Uran hat eigentlich nichts in unserem Trinkwasser zu suchen. Doch Kontrollen ergaben, dass jedes zweite Mineralwasser belastet ist. Experten fordern, dass endlich Grenzwerte festgelegt werden
"Gut zu wissen, was man trinkt", so lautet der Slogan einer großen Wasserfirma. Der Trend zum Mineralwasser ist ungebrochen, begleitet von Fitnessboom und Fettdiskussion. Leitungswasser hingegen hat ein schlechtes Image. Doch sowohl im normalen Trinkwasser als auch im Mineralwasser kann Uran in gesundheitsrelevanten Mengen vorkommen - wovon die Bevölkerung meist nichts weiß. Uran ist doppelt gefährlich: als radioaktiver Alphastrahler und als ein besonders giftiges Schwermetall. Uran reichert sich bevorzugt in Knochen an und kann unter anderem Funktionsstörungen der Niere, Lunge und Leber, aber auch Krebs und Erbgutveränderungen auslösen. Inzwischen ergriff das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin die Initiative: Präsident Andreas Hensel mahnte, dass Säuglingsnahrung kein uranhaltiges Mineralwasser enthalten sollte. Das BfR stützt seine Empfehlung auf die Auswertung von 1.500 in diesem Sommer auf Uran untersuchte Mineralwasser aus der Lebensmittelüberwachung der Länder. Demnach würden über die Hälfte der Wasserproben die vorgeschlagene Nachweisgrenze von 0,2 Mikrogramm Uran pro Liter überschreiten und damit die Auflage des BfR nicht erfüllen. Der Urangehalt im Wasser schwankt in den verschiedenen geologischen Formationen stark, also variieren auch die Werte in den Mineralwassern - je nach Brunnenstandort, in Einzelfällen auf bis zu 80 Mikrogramm pro Liter. Nach Auskunft des Verbraucherministeriums liegt die Uranbelastung durch das auf dem deutschen Markt erhältliche Mineralwasser im Schnitt bei 1,06 bis 4,15 Mikrogramm pro Liter. Das Gros des gehandelten Wassers unterschreitet den von der WHO 2004 überraschend von 2 auf 15 Mikrogramm Uran im Trinkwasser hoch gesetzten Empfehlungswert. Ein uranfreies Leben ist nicht möglich: "2 bis 4 Mikrogramm beträgt die unvermeidliche, tägliche Uranration in fester Nahrung", erklärt Ewald Schnug von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig. Die FAL befasst sich mit dem Umsatz von Uran in Agrarökosystemen, weil phosphorhaltige Mineraldünger wesentliche Quelle für Uranbelastungen landwirtschaftlich genutzter Böden sind. Im Rahmen dieser Forschungen werden von der FAL Hintergrundwerte von Uran in verschiedenen Umweltkompartimenten ermittelt, wozu auch Leitungs- und Flaschenwasser gehören. Durch Mineralwasser kann der Urankonsum rasant ansteigen: "Bestimmte Mineralwässer können die Uranaufnahme verzehnfachen", warnt Schnug. Er fordert daher eine Kennzeichnungspflicht für die Mineralwasserindustrie. Die Umsetzung wäre gar nicht schwierig: Welches Wasser wie hoch belastet ist, das wissen Hersteller und Behörden längst - sie teilen es aber nicht mit. Auch auf Nachfrage war das zuständige Verbraucherschutzministerium nicht zu einer Veröffentlichung der gemessenen Urangehalte einzelner Wasser bereit. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) untersuchte im Auftrag des Bundesumweltministeriums 400 Mineralwässer auf natürliche Radioaktivität (Radium-226, Radium-228, Uran-234, Uran-235, Uran-238, Polonium-210, Blei-210 und Aktinium-227). Einige der Ergebnisse wurden 2002 veröffentlicht. Die Urangehalte wurden damals nicht gesondert ausgewiesen - ging es dem BfS doch um die Strahlenbelastung und nicht um die Giftigkeit des Wasser. Daher lassen die publizierten Ergebnisse keine Rückschlüsse auf Urangehalte im Mineralwasser zu. Heute würden die zuständigen Mitarbeiter die gemessenen Urangehalte gern veröffentlichen, aber sie fühlen sich an eine Vereinbarung gebunden, die das Umweltministerium 2002 mit der Mineralwasserindustrie traf: Was damals nicht veröffentlicht wurde, müsse auch künftig unter Verschluss bleiben. Die BfS-Untersuchung kam zustande, weil die radioaktive Belastung von Mineralwasser in die Schlagzeilen geraten war. Seither haben die Mineralwasserhersteller in technische Verfahren investiert, um die Strahlenbelastung zu verringern. So wird radioaktives Radium mittlerweile bei vielen Firmen aus dem Mineralwasser gefiltert. Verfahren zur Absenkung der Urangehalte sind in der Entwicklung und Erprobung. Doch die Wasserbehandlung wird teuer und die Entsorgung des giftigen, radioaktiven Mülls erst recht. Zudem gibt es in der Mineral- und Tafelwasserverordnung noch keine Regelung für die Uranbelastung, und ein Grenzwert für die gesundheitliche Maximalbelastung existiert in Deutschland auch noch nicht. Im Gesundheitsministerium hält man sich bedeckt, das zuständige Verbraucherministerium sieht noch keinen Handlungsbedarf. Alle warten auf eine EU-weite Regelung. Das Umweltbundesamt kommt in seinen jüngsten Berechnungen zu einem so genannten "gesundheitlichen Leitwert", also eine Vorstufe des Grenzwerts, in Höhe von 8,4 bis 10,3 Mikrogramm Uran pro Liter Trinkwasser. Angesichts hoher Kosten, komplexer Wasserchemie und in einigen Regionen hoher Trinkwasserbelastung scheuen nicht nur der Bund, sondern auch die Kommunen vor einer Regelung für Uran im Wasser zurück. "Die Uranbelastung bedarf der Kontrolle", fordert Manfred Anke vom Institut für Ernährung und Umwelt der Universität Jena. Dies gelte keinesfalls nur für Uranbergbaugebiete, sondern für alle Lebensräume. "In Säuglingsnahrung kann der Urangehalt auf das 50-fache der in der Mutter- und Kuhmilch vorkommenden Uranmengen ansteigen, wenn uranreiches Wasser zu ihrer Präparation verwendet wird."
18.06.2005 “Wasserversorgung muß öffentlich bleiben” Lokalanzeiger Ammerndorf-Cadolzburg-Großhabersdorf-Seukendorf
Auf Einladung der Fürther SPD-Bundestagsabgeordneten Marlene Rupprecht informierte sich die bundesweit anerkannte Wasserexpertin Dr. Michaela Schmitz über die Situation der örtlichen Wasserversorger. Beim Zweckverband Wasserversorgung Dillenberggruppe in Greimersdorf und bei einer Veranstaltung vor Kommunalpolitikern in Fürth sprach sich die Abteilungsleiterin für Wasserwirtschaft beim Bundesverband der Gas- und Wasserversorgung (BGW) in Berlin für den Erhalt der kommunalen Hoheit über die Trinkwasserversorgung aus. Heimische Wasser-Zweckverbände mit guter Basis: Claus Pierer, Vorsitzender der Dillenberggruppe, sieht seinen Zweckverband mit einer gesunden Eigenkapitalquote von 98% und einem großen Einzugsbereich mit 45.000 Einwohnern in den Landkreisen Fürth, Neustadt/Aisch und Ansbach weiter auf Expansionskurs, weil sich die eigene Wasserversorgung in kleinen Gemeinden immer weniger rentiert. Gerade hier liege aber auch das Problem, “weil viele Kommunen dazu neigen, ihre Werke zu versilbern, und die kommunale Hoheit beim Wasser gegenüber privaten Konzernen auf der Strecke bleibt.” Cadolzburgs SPD-Gemeinde- und Kreisrat Michael Bischoff, der Frau Dr. Schmitz auf ihrem Besuch begleitete, betonte, daß man sich in der Region glücklich schätzen könne, bereits frühzeitig die interkommunale Zusammenarbeit über die Dillenberggruppe gefunden zu haben. Dies habe sich gerade im “Jahrhundertsommer 2003” ausgezahlt, als die Cadolzburger Haushalte nur dank des Wasserzukaufs von der Dillenberggruppe sicher versorgt werden konnten. EU-Wettbewerbsrecht bedroht Partnerschaften: Um die finanziellen Kraftakte zu stemmen, die auch zukünftig für sauberes Trinkwasser und umweltgerechte Abwasserentsorgung notwendig sind, schlägt Dr. Michaela Schmitz vor allem eine verstärkte kommunale Zusammenarbeit, aber auch die Einbindung von privaten Partnern vor. Dabei fürchten die Deutschen Wasserversorger einmal mehr die EU: Nachdem es Brüssel bislang nicht geschafft hat, den deutschen Wassermarkt zu liberalisieren, wollten die EU-Wettbewerbshüter nun, daß jede Aufgabenübertragung und jede Beteiligung ausgeschrieben werden muß. “Dann kommen nicht mehr die zusammen, die gemeinsam die beste Leistung für den Bürger bringen, sondern diejenigen, die das billigste Angebot machen.” Beispiel England: Hormonprobleme und 30% Wasserverlust Gerade biem Trinkwasser aber werden betriebswirtschaftliches Gewinnstreben und der Wettbewerb von Konzernen zur Gefahr. Dies verdeutlichte Marlene Rupprecht am Beispiel des Londoner Trinkwassers: Das aufbereitete Themse-Wasser werde insgesamt dreimal aus dem Fluß gepumpt, verbraucht und wieder aufbereitet, bevor es endgültig die Themse hinunter fließt. Das gefährliche Wasserrecycling hat seinen Preis: Arzneimittelrückstände und Hormone können nicht herausgefiltert werden und schädigen Mensch und Umwelt. Da in das britische Leitungsnetz nach der Liberalisierung zudem kaum mehr investiert worden ist, versickern rund 30% des Wassers unkontrolliert im Untergrund. Ziel: Synergieeffekte mit passenden Partnern Marlene Rupprecht sieht denn auch die Perspektive für Stadtwerke und Zweckverbände in einer kommunalen Zusammenarbeit und Partnerschaften mit privaten Entsorgern: “Wir müssen aber genau darauf schauen, wen wir an den Synergieeffekten beteiligen”. Dies war ganz im Sinne von Dr. Michaela Schmitz, die vor allem eine verstärkte Verknüpfung von Wasser- und Abwasserleistungen auf der Ebene der Stadtwerke propagiert.
Juni 2004 - „Der einzige echte Unterschied ist der Preis“
Coca-Cola macht sich in Großbritannien zum Gespött: Ein neues Lifestyle-Getränk ist nichts anderes als gefiltertes Leitungswasser
London. PR-Katastrophe für Coca-Cola Großbritannien: Der weltgrößte Getränkeproduzent musste einräumen, dass sein neues Lifestyle-Getränk „Dasani“ lediglich gefiltertes Wasser aus der Leitung ist. Ein gefundenes Fressen für die britsche Presse, die Hohn und Spott über den Konzern ausgießt. Vorigen Monat wurde „Dasani“ mit einer umgerechnet zehn Millionen Euro teuren Werbekampagne als das „pure stille Wasser“ mit dem „klaren frischen Geschmack“ eingeführt. Das im beschaulichen Londoner Vorort Sidcup produzierte Edelgetränk stammt allerdings aus den Leitungen des örtlichen Wasserwerks „Thames Water“. Der Inhalt einer Halbliterflasche, die für 95 Pence (1,43 Euro) im Laden zu haben ist, kostet dort umgerechnet 0,045 Cent, etwa ein Dreitausendstel. Auf der Webseite von „Dasani“ betont Coca-Cola, dass das Leitungswasser beileibe nicht direkt in die sanft geschwungenen Plastikflaschen gefüllt wird: „Mit hohem wissenschaftlichem Aufwand stellen wir sicher, dass „Dasani“ für dich so rein und genießbar ist.“ Der „komplexe Vorgang“: Erst wird das Wasser durch Filterung und Umkehrosmose fast vollständig gereinigt, dann müssen allerdings wieder Mineralstoffe und Ozon zugesetzt werden, um das Wasser trinkbar, haltbarer und schmackhafter zu machen. Ein Aufwand, den sich Coca-Cola wohl auch noch sparen könnte. Die für Trinkwasser zuständige Aufsichtsbehörde DWI besteht in einer Pressemitteilung darauf, dass das ordinäre Leitungswasser bereits höchsten Standards entspreche: „Der einzige echte Unterschied ist der Preis.“ Damit nicht genug: Wie die Zeitung Times meldet, will die britische Lebensmittlaufsicht prüfen, ob Coca-Cola mit dem Werbespruch vom „puren“ Wasser zu weit gegangen ist. „Dasani“ seien schließlich Zusatzstoffe beigemischt. Was in Großbritannien für Empörung sorgt, ist in Deutschland schon lange Realität und stört kaum einen. Aufbereitetes Leitungswasser kommt hier oft unter dem Namen Tafelwasser in den Handel. Eine der erfolgreichsten Marken von Coca-Cola Deutschland ist Bonaqa. In einem Info-Blatt räumt der Konzern ein: „Das qualitativ hochwertige Tafelwasser (Bonaqa) wird aus sorgfältig aufbereitetem, gefiltertem Trinkwasser aufbereiten.“ I m Unterschied zu Großbritannien ist in Deutschland aber leicht erkennbar, um welchen Qualitätsgrad es sich handelt. Als „natürliches Mineralwasser“ darf nur bezeichnet werden, was unbehandelt aus Quellen stammt und direkt vor Ort abgefüllt wird. Alles andere ist „Tafelwasser“. Oder, wie es ein Engländer nach dem Selbstversuch mit „Dasani“ auf einer Webseite kommentierte: Rubbish – Müll.
Juni 2004 - „Trinkwasser wird zum Medikamenten-Cocktail“
Bundesamt fürchtet Auswirkungen von Arzneimitteln auf Umwelt und Gesundheit / Appell an Pharmaindustrie
Arzneimittel reichern sich über das Abwasser in nennenswerten Mengen in Flüssen und Seen an und gelangen so zum Teil auch ins Grund- und Trinkwasser. Darauf hat das Umweltbundesamt in Berlin hingewiesen. Auch in geklärtem Wasser finde sich teilweise ein Cocktail aus Arzneispuren, der über das Trinkwasser bis zum Verbraucher gelangen könne. Bisher sei aber weitgehend unbekannt, ob und wie sich dies auf Mensch und Natur auswirke. Das Amt forderte, dass die Arzneihersteller Umweltrisiken strenger prüfen müssen. Als Beispiel nannte das Amt die Antibabypille. Deren Hormone würden wieder ausgeschieden und gelangten so in den Wasserkreislauf. Aufgrund der Verkaufsdaten der Pille gehen Experten davon aus, dass die Oberflächengewässer in Deutschland mit zwei Mikrogramm pro Liter des Östrogens 17alpha-Ethinylestradiol belastet sind. Bereits 0,5 Mikrogramm pro Liter führen aber bei Fischen schon zu Hormonstörungen. Fischmännchen verweiblichten und bilden Eidotter aus, das Geschlechterverhältnis verschiebt sich und die Fische bekommen weniger Nachwuchs. Auch im Trinkwasser wurde das Östrogen vereinzelt nachgewiesen. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, warnte davor, die Folgen der Arzneimittel auf Mensch und Natur zu vernachlässigen. Den Angaben zufolge wurden allein Im Jahr 2000 in Deutschland etwa 29000 Tonnen humanmedizinische Medikamente verkauft. Davon waren 7000 Tonnen synthetische Wirkstoffe. Dazu kommen etwa 2320 Tonnen Tierarzneimittel. „Irgendwo bleibt alles“, sagte Troge. Vor allem in der Nähe von Klärwerken seien zahlreiche Arzneiwirkstoffe, zum Beispiel solche gegen Epilepsie, gefunden worden. Bei einer Berliner Kläranlage wies das Amt Wirkstoffe von schleimlösende Hustenmitteln sowie Tropfen gegen Pollenallergie nach. Deren Konzentration im Wasser stieg in der Grippe- und Heuschnupfenzeit deutlich an. Das Umweltbundesamt ist seit kurzem auch dafür zuständig, die Wirkung von Arzneien auf die Umwelt zu prüfen. Troge forderte, von den Herstellern eine aussagekräftige Umweltprüfung der von ihnen hergestellten Medikamente zu verlangen. Es gehe nicht an, dass mögliche Gefahren für Umwell und Mensch auf Kosten der Steuerzahler erforscht würden.
Juni 2004 - „Marode Kanäle reichen zweimal um die Erde“
„Unterirdische Zeitbomben“ finden kaum Beachtung – Kritik an kleinräumiger Struktur der Wasserversorgung in Bayern.
Die Kanalnetze in Deutschland sind sanierungsbedürftig, sagen Fachleute. Von den 500000 Leitungs-Kilometern, die kreuz und quer unter der Erde verlegt sind, müsste ein Sechstel erneuert werden. Rohr an Rohr ergibt das eine stolze Länge von mehr als 83000 Kilometern – zweimal um die Erde. Aber finanzielle Klimmzüge, um dieser Herkules-Aufgabe gerecht zu werden, unternimmt niemand, stellt der deutsche und bayerische Rohrleitungsbauverband (RBV) in Augsburg mit Besorgnis fest. Ganz nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. In der Öffentlichkeit kann kein Rathauschef mit dem glänzen, was den Blicken verborgen ist. Teuer ist der Erhalt der Leitungsnetze und wenig prestigeträchtig. Solange sauberes Wasser aus den Hähnen rinnt und mit Hilfe der Toilettenspülung Unerwünschtes in den Untergrund befördert wird, interessiert der Zustand der Steinzeug-, Beton-, Stahl- oder Kunststoffrohre nur mäßig. Dabei sieht das Leitungsnetz an einigen Stellen ganz schön alt aus. Im Schnitt fließt seit einem halben Jahrhundert Wasser und Abwasser durch die Rohre. Da bleiben Risse und Lecks nicht aus. Die unterirdischen Leitungsschäden belasten Umwelt und Volkswirtschaft immens, stellen die Rohrleitungsbauer fest. Die Bombe unter der Erde tickt unspektakulär, aber unaufhörlich. Noch befinden sich die Ver- und Entsorgungsleitungen im Freistaat in einem guten Zustand, sagt Bayerns RBV-Chef Dieter Beck. Wie lange noch? Seit Jahren fließe vom Staat und den Kommunen immer weniger Geld für die Instandsetzung in den Untergrund. Die Finanzierungsprobleme der Gemeinden seien dabei zum Teil hausgemacht, lautet Becks Vorwurf, da die Gebühren-Einnahmen durch Kommunen häufig zweckentfremdet worden seien. „Das Leitungsnetz ist dabei oft leer ausgegangen.“ Auch die kleinräumige Struktur der öffentlichen Wasserversorgung in Bayern steht nicht nur nach Meinung des Rohrleitungsbauverbandes einer Modernisierung im Wege. Um die Effizienz zu steigern, schlägt das Landesamt für Wasserwirtschaft eine Reduzierung der Wasserversorgungsunternehmen von derzeit 2500 auf 500 vor. Wenn weiterhin jeder vor sich hin „wurstelt“, sei eine personell und technisch angemessen ausgestattete Wasserversorgung, die sicher, zuverlässig und wirtschaftlich arbeitet, auf Dauer nicht gewährleistet. Davon ist der Verband überzeugt. Die Kontrolle etwa von Abwassernetzen stehe zwar auf dem Papier. In der Praxis finde eine bereits vor neun Jahren erlassene „Eigenüberwachungsverordnung“ allerdings kaum Anwendung. Ein „vorwiegend unseriöses und ruinöses Preisdumping bei Ausschreibungen“ führe dazu, dass nicht einmal Mindestanforderungen bei Materialien und der Ausführung erfüllt würden. Beck: „Beim Abwasser kann jeder, der einen Bagger hat, mitbieten.“ Von Privatisierung pur hält der RBV nicht viel, wohl aber von einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Einrichtungen und der Privatwirtschaft, um mehr Geld in das System zu pumpen. Warum soll ein „Betreibermodell“ nur auf Autobahnen funktionieren, nicht aber unter der Erde?
18.05.2004 - „Zugang verwehren“ Maly gegen Privatisierung der Wasserversorgung
Nürnberg - Privatunternehmen will Oberbürgermeister Ulrich Maly den Zugang zum lukrativen Trinkwassermarkt in der Stadt „solange wie möglich verwehren“. Im Interesse der Qualität und der Versorgungssicherheit für die Bevölkerung zu einem, erschwinglichen Preis erteilte er entsprechenden Plänen der EU-Kommission eine klare Absage. Das „vielleicht wichtigste Lebensmittel überhaupt“ müsse wie die Abwasserbeseitigung oder auch die Müllentsorgung unter öffentlich-rechtlicher Kontrolle bleiben, sagte das Stadtoberhaupt bei einem Treffen mit. dem EU-Abgeordneten Wolfgang Kreissl-Dörfler. Der bayerische SPD-Spitzenkandidat für die Europawahlen am 13. Juni berichtete von einem „starken Druck“, diese Kernbereiche der so genannten Daseinsvorsorge zu privatisieren, für den die Kommunen verantwortlich sind. „Die Wasserversorgung steht in Brüssel auf der Tagesordnung“, sagte der oberbayrische Politiker. Konzerne wie E.on oder Siemens hatten großes Interesse an dem europäischen Wassermarkt mit einem Gesamtvolumen von 30 Milliarden Euro. Das Europäische Parlament, das im kommenden Monat neu gewählt wird, werde über diese Frage zu entscheiden haben. „Die Chancen stehen dabei 50:50“, sagte Kreissl-Dörfler. Er selbst sei mit seiner Fraktion strikt gegen eine Pflicht zur Privatisierung. Es solle den Kommunen selbst überlassen bleiben, ob sie die „Zukunft unserer Trinkwasserversorgung“ in private Hände geben oder durch eigene Unternehmen erbringen wollen. Der Europaabgeordnete befürchtet allerdings, dass die Qualität bei einer Liberalisierung des Marktes sinkt: „Unser Wasser ist besser, als es nach den EU-Richtlinien sein müsste. Konzerne wollen Gewinne sehen, und werden diesen hohen Standard nicht unbedingt halten. Da wird sicher gutes mit schlechtem Wasser gemischt. Auch das Interesse an hohen Investitionen werde abnehmen. In London hätten private Versorger kurzerhand den Wasserdruck gesenkt, statt – wie es notwendig gewesen wäre – marode Leitungen auszutauschen.
12.05.2004 - Altlasten gefährden Grundwasser
Mutmaßlicher Verursacher ist die ehemalige chemische Reinigung Novetta – Messen und Sanieren
Auerbach. (ben) Im Untergrund braut sich eine brisante Mischung zusammen: In den Grundwasser-Beobachtungsbrunnen in Ranna ist eine ständig steigende Belastung mit Schadstoffen festgestellt worden. Verursacher soll die ehemalige Reinigungsfirma Novetta gewesen sein. Laut Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt besteht derzeit keine konkrete Gefährdung der Bevölkerung. Auf die Verunreinigungen im Grundwasser war das Landratsamt in Amberg durch die Versorgungsgesellschaft der Stadt Nürnberg, die N-ERGIE Aktiengesellschaft, hingewiesen worden. Dabei war von einer „permanent steigenden Schadstoffbelastung“ in den Beobachtungsbrunnen in Ranna die Rede. Dort wird kontrolliert, in welcher Menge und Qualität das Grundwasser zu den Trinkwasserbrunnen fließt. Zur Fettlösung Über das Landratsamt und wurde das Wasserwirtschaftsamt Amberg eingeschaltet, um der Ursache der Verschmutzung a uf den Grund zu gehen. Im Wissen um die geologischen Verhältnisse, die vorherrschende Grundwasserfließrichtung und anhand der in den Brunnen gemessenen Schadstoffe und ihrer Konzentration kamen die Behördenvertreter zu dem Schluss, dass die Verunreinigung durch chlorierte Kohlenwasserstoffe über den Boden erfolgt und dies schon vor längerer Zeit geschehen sein musste. Als Verursacher kamen mehrere Betriebe in Betracht, da die vorgefundenen Schadstoffe vor Jahren sehr weit verbreitet waren. Sie wurden als Ersatz für Waschbenzin zur Fettlösung verwendet, kamen in großem Stil in chemischen Reinigungen zum Einsatz, fanden sich aber auch in Haushaltsreinigern oder flüssigem Tipp-Ex. Angesichts der „massiven Konzentration und der deutlichen Verunreinigung“, wie Dr. Hans Weiß, stellvertretender Leiter des Wasserwirtschaftsamtes formulierte, richtete sich der Fokus auf Firmen, die mit so genannten L HKW-haltigen Lösungsmitteln über längere Zeit und mit größeren Mengen gearbeitet hatten. Zwei Messstellen Konkret richtete sich der Verdacht gegen die ehemalige Firma Novetta Chemisches Reinigungswerk - Färberei - Wäscherei GmbH. Derzeit wird geprüft, inwieweit sich die konkret vorliegenden Anhaltspunkte noch erhärten lassen. Novetta hatte über viele Jahre in der Bahnhofstraße in Auerbach auf dem Produktionsgelände der Bekleidungsfabrik Bulag eine chemische Reinigung betrieben. Ein erster Schritt waren Bodenuntersuchungen auf besagtem Grundstück. Das Resultat: „Von der festgestellten Verunreinigung geht tatsächlich eine akute Gefährdung des Grundwassers aus“, hieß es dazu gestern aus Landratsamt. Jetzt stehen so genannte Detailerkundungen bevor. Damit soll das gesamte Ausmaß der Verunreinigung festgestellt und ein Konzept zur Sanierung von Boden und Grundwasser erarbeitet werden. Ergänzt wird dies mit der Errichtung zweier Grundwassermessstellen. Persönlich eingeschaltet hat sich unterdessen Landrat Armin Nentwig. In einer Presseerklärung teilte er mit, es sei bei allen weiteren Schritten oberstes Ziel, eine Gefährdung der Bevölkerung und eine Verunreinigung der Trinkwasserbrunnen der Aqua Opta jetzt und auf Dauer zu verhindern. Aktuell bestünde keine Gefährdung der Bevölkerung durch direkten Kontakt mit den Schadstoffen, weil die verunreinigten Bereiche durch die komplette Bebauung des Grundstücks in der Bahnhofstraße 2 vollständig versiegelt seien. Dadurch sei ausgeschlossen, dass Schadstoffe mit der Haut in Berührung kommen oder mit der Raumluft eingeatmet werden. Die Versorgung der Bevölkerung mit einwandfreiem Trinkwasser sei ebenfalls gesichert. Alle Werte der Trinkwasserverordnung werden nach Darstellung Nentwigs eingehalten. Nichts abzubrechen Bei der anstehenden Sanierung ist zunächst an die Absaugung der Bodenluft unterhalb des Geländes und deren Reinigung über Aktiv-Kohle-Filter gedacht. „Das hat den Vorteil,“ so Dr. Weiß, „dass keine Gebäude abzubrechen sind.“ Ähnlich müsse mit dem kontaminierten Grundwasser verfahren werden. Welche Dimensionen dies ausmache, sowohl vom Volumen als auch von der finanziellen Seite her, vermochte der stellvertretende Leiter des Wasserwirtschaftsamtes am Freitag nicht zu sagen.
11.05.2004 - Trinkwasser-Schock!
Krebserregendes Gift in Nürnbergs wichtigster Quelle
Nürnberg - Schockierende Nachrichten von Nürnbergs größtem Trinkwasser-Reservoir, der Rannenquelle1. Vier Mikrogramm des krebserregenden Lösungsmittels PER wurden dort pro Liter Trinkwasser gemessen. Aus der Rannenquelle bezieht Nürnberg täglich 45000 Kubikmeter Trinkwasser. Das sind 40 Prozent des Gesamtbedarfs. Rita Kamm-Schuberth vom Wasserversorger N-ERGIE-. „Die PER-Werte sind uns bei Messungen aufgefallen. Wir haben das Wasserwirtschaftsamt informiert. Glücklicherweise stammt das belastete Wasser aus der Rannenquelle 2, die derzeit nicht am Netz ist, weil sie saniert wird.“ Jetzt sind die Experten der Ursache der PER-Verschmutzung auf der Spur. Dabei könnte es sich um die Firma Novetta Chemisches Reinigungswerk handeln, die das Lösungsmittel PER verwendete.
20.02.2004 - Gefährte und Leidensgenosse
Hund leidet zunehmend an den Krankheiten des Menschen
Als der Begleiter und „beste Freund des Menschen“ seit Jahrtausenden hat der Hund zunehmend auch die Krankheiten seines Herrn übernommen. Krebs, Epilepsie, Nachtblindheit und Grüner Star sind nach Angaben von Wissenschaftlern unter den treuen Vierbeinern genauso verbreitet wie unter Menschen. Grund dafür sei, dass der Hund die Umwelt, das Wasser und häufig auch die Nahrungsmittel seines Herrchens oder Frauchens teile, sagten Forscher mehrerer Disziplinen auf dem Kongress der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) in Seattle im US-Bundesstaat Washington. Die Untersuchung des Erbgutes der Hunde und der genetischen Ursachen ihrer Krankheiten könnte auch dem Menschen zu Gute kommen, stellte Gordon Lark von der Universität Utah dabei in Aussicht. So sei Krebs bei älteren Hunden – etwa von zehn Jahren an – die häufigste Todesursache. Bei Menschen ist es die zweihäufigste nach Herzkrankheiten. Die Genomstudie hat überdies bereits ergeben, dass Hund und Mensch schon fast 50 000 Jahre nebeneinander leben, wie der Anthropologe Brian Hare von der Harvard Universität berichtet hatte. Hare wechselt in Kürze zum Max-Planck-Institut nach Deutschland. Deborah Lynch vom Institut für Hundestudien in Aurora (US-Bundesstaat Ohio) hingegen geht sogar von einer fast 100000 Jahre dauernden Koexistenz aus. „Wahrscheinlich kamen die Hunde schon mit aus der Höhle gekrochen“, sagte Lynche in Seattle. Ähnlich umstritten wie das Alter von Hunden ist die immer wiederkehrende Frage, ob ein einziger Wolf in Asien der Urvater aller Hunde gewesen ist – oder ob sich ein halbes Dutzend Wölfe im Laufe der Zeit dem Menschen angeschlossen haben könnte. Mit mehr als 300 anerkannten Rassen – vom Beagle bis zum Bernhardiner und vom Pudel bis zum Pomeraner –, ist der Hund durch die Züchtung längst zum absoluten Rekordhalter geworden: kein anderes Säugetier komme in so vielen Variationen vor wie er, war auf dem Kongress in Seattle von den Wissenschaftlern unterstrichen worden.
22.12.2003 - Naturschützer: Waldböden verlieren ihre Filterfunktion
„Trinkwasser ist gefährdet“ In Bayern steigen die Nitratkonzentrationen an
MÜNCHEN (dpa). – Übersäuerte Waldböden gefährden nach Angaben von Naturschützern zunehmend das Trinkwasser. Grund sei ein zu hoher Stickstoffgehalt, sagte der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Hubert Weiger, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die daraus resultierende Überdüngung und Übersäuerung schwäche die Filterfunktion des Bodens.
„Hier tickt eine Zeitbombe für unser sauberes Wasser“, warnte Weiger. „Wenn die Entwicklung so weiter geht, kann man davon ausgehen, dass wir in zehn Jahren große Schwierigkeiten mit der Trinkwasserversorgung bekommen – beziehungsweise diese nur noch sichern können durch gewaltige Aufwendungen für die Wasseraufbereitung.“ In einem Drittel der bayerischen Trinkwassergewinnungsanlagen würden jetzt schon ansteigende Nitratkonzentrationen gemessen. Die Werte lägen mit 10 bis 15 Milligramm Nitrat noch unter dem Richtwert von 25 Milligramm und unter dem Grenzwert von 50 Milligramm. „Wir sind damit derzeit noch in einer guten Situation – das Bedenkliche ist aber der Anstieg.“ Im ostbayerischen Grenzgebiet seien bereits Trinkwassergewinnungsanlagen wegen zu hoher Aluminiumkonzentrationen stillgelegt worden. Dies sei ebenfalls eine Folge der Übersäuerung. Um so wichtiger sei es, dass bei den aktuellen Sparzwängen die aufwändige und kostenintensive Aufgabe des Waldumbaus hin zu mehr Buchen, Tannen und Weißtannen nicht vernachlässigt werde. Diese Bäume könnten Stickstoff besser aufnehmen und seien nicht so stark durch den Borkenkäfer gefährdet wie Fichten. „Es droht ein Kahlschlag in der Forstpolitik, der zu einem noch schlimmeren Kahlschlag in unseren Wäldern führt“, Weiger mit Blick auf die Forstreform. „Was wir an der einen Stelle sparen, müssen wir durch eine vielfach teurere Trinkwasseraufbereitung später reparieren.“ Denn fast zwei Drittel des Trinkwassers im Freistaat würden durch Waldböden gefiltert. Zudem müsse eine umweltverträgliche Verkehrspolitik und eine Agrarpolitik mit artgerechter Tierhaltung ganz oben stehen. Denn neben den Autoabgasen belaste auch die Überdüngung landwirtschaftlicher Flächen die Luft, wenn der Boden den Stickstoff nicht mehr aufnehmen könne. Im europaweiten Vergleich gehören nach Weigers Worten die deutschen Wälder zu den am höchsten mit Stickstoff belasteten Beständen. Die Klimaerwärmung verschärfe das Problem, da durch stärkere Aktivität von Mikroorganismen im Boden mehr Stickstoff freigesetzt werde; die Pflanzen könnten dies nicht mehr aufnehmen.
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